Der PD- 47 im Hühnerstall
oder
die Anfänge des Fallschirmsports in den Nordbezirken
(Erinnerungen eines Veteranen)
Das obligatorische Vorwort
Als ich mich Anfang September in Neustadt mit Kuddel und Axel über das diesjährige Treffen unterhielt, entstand die Idee, etwas über den Fallschirmsport in den damaligen Nordbezirken zu schreiben. Diese Aufgabe fiel naturgemäß mir, als einem der wenigen noch lebenden Zeitzeugen zu, besonders was die Zeit vor etwa 1970 betrifft. Außerdem war Schreiben von irgendwelchen Berichten in den fast 45 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit als Geologe und am Schluss als Sesseldrücker in der Umweltverwaltung mein Job. Es gab für mich noch einen weiteren Grund: Zu Hause wird jeder Versuch, eine meiner zahlreichen Storys anzubringen, durch allgemeinen Protest des Familie gnadenlos abgewürgt. Hier kann ich mich mal so richtig auslassen.
Allerdings wusste ich nicht, worauf ich mich damit einlasse. Der Schriftsteller Siegfried Lenz beschreibt in seinen „Masurischen Geschichten“, wie sein Großvater sich im Alter von 60 Jahren selbst das Lesen beibrachte und darauf von Leseteufel gepackt wurde. Er musste immer und überall lesen. Allerdings packte mich der Bruder des Leseteufels, der Schreibeteufel. Seit rund zwei Wochen vernachlässige ich nicht nur mich sondern auch meine Frau und wichtige Pflichten. Es ist nicht so, dass mir nichts einfällt, vielmehr kann ich nicht aufhören. Es ist wie Durchfall.
Mit der Erinnerung ist das so eine Sache. Oft kann man nicht mehr zwischen dem unterscheiden, was man selbst erlebt hat und was einem nur häufig erzählt wurde, Dichtung und Wahrheit gehen unmerklich ineinander über. Abhilfe schafft die Beschränkung auf durch Quellen gesicherte Informationen. Allerdings ist das insofern schwierig, als ich außer meinem manchmal doch schon löchrigen Gedächtnis nur auf mein Sprungbuch und einige wenige Fotos aus der „Steinzeit“ des Fallschirmsprungs in den damaligen Nordbezirken zurückgreifen kann. Was folgt ist also keine Chronik im wissenschaftlichen Sinne, aber eben deshalb vielleicht etwas unterhaltsamer.
Die eingestreuten Geschichten sind sogar wahr, das heißt sie haben sich so oder so ähnlich tatsächlich zugetragen. Mein Ehrenwort ist wohl nicht nötig, ihr kennt mich als ehrliche Haut. Außerdem sind Springer von Natur aus wahrhaftiger als solche notorischen Lügner und Aufschneider wie Angler und Jäger.
Es liegt wohl in der menschlichen Natur, im Alter die Vergangenheit und sich selbst zu heroisieren. Diesen Fehler hoffe ich weitgehend zu vermeiden; kleine Ausrutscher muss man mir gnädig nachsehen. Ich versuche einfach einigermaßen chronologisch und objektiv über meine Erlebnisse und Erfahrungen als Aktiver zu berichten, daraus ergibt sich dann –so zusagen als Nebenprodukt- ein unvollständiger und sehr persönlich eingefärbter Bericht über die Entwicklung unserer Sportart in ihren Anfangsjahren.
Die nachfolgenden Zeilen richten sich eigentlich an den Kenner der Szene. Für Leute die zur Springerei keine Beziehungen haben bzw. einfach nur zu jung sind, sind zum besseren Verständnis Erläuterungen/ Anmerkungen eingeschoben, die für den Eingeweihten natürlich überflüssig sind. Der weiß wovon die Rede ist. Dem potentiellen Leserkreis ist auch die manchmal etwas burschikose Sprache geschuldet, die sich einfach dem Umgangston auf so einem Flugplatz anpasst.
Dem Literaturkenner wird auffallen, das der Titel geklaut ist und zwar bei Michael Sostschenko: „Die Kuh im Propeller“. Das ist Absicht. Es wäre toll, wenn meine Erinnerungen ähnliche Heiterkeit hervorrufen würde wie diese meisterhafte Kurzgeschichte, vielleicht die beste zum Thema „Flugwesen“ überhaupt.
Sicher wäre die Illustration durch Bildmaterial wünschenswert. Aber ich besitze nur wenige Fotos aus dieser Zeit. Und meistens ist in den wirklich schönen Momenten ohnehin keine Kamera zur Hand. Zeitlich hätte ich es aber auch nicht geschafft.
Gedacht ist es so, dass diese Schrift am 29. quasi als Entwurf verteilt wird bzw. auf die Internetseite des Neustädter Vereins gestellt wird. Wer seinem Gedächtnis (oder auch seinem Bildarchiv) noch die eine oder andere Erinnerung entlocken kann, ebenso wer sich nicht richtig dargestellt findet oder offensichtliche Fehler findet, meine Adresse steht oben. Es wird dann eine verbesserte Fassung geben. Ergänzungen, Korrekturen und Richtigstellungen werden dann als Zitate eingefügt werden. Vervollständigt durch einen zweiten Teil, den Kurt für seine Amtszeit beisteuern wird, könnte das Ganze dann zu einer kleine ggf. illustrierte Broschüre für den internen Gebrauch zusammengefasst werden.
Berichtet wird ausschließlich über das Fallschirmspringen im Rahmen der GST. Was die NVA und die Iwans auf diesem Gebiet trieben bleibt unberücksichtigt, ebenso was vor dem Krieg passiert ist.
Das soll’s nun aber mit der Vorrede sein, kommen wir zur Sache.
Kapitel 1: Vorgeschichte
Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. Gehen wir einfach zum Anfang meiner Geschichte zurück. Irgendwie beginnt diese schon im Sommer 1956. Ich war 16 Jahre alt, ging in Kühlungsborn zur Oberschule, war Flugmodellbauer und in Anklam fanden die DDR- Meisterschaften statt. Welchen der hinteren Plätze ich belegte, weiß ich heute nicht mehr. Woran ich mich aber noch gut erinnere, ist meine erste (allerdings flüchtige) Berührung mit dem Fallschirmsport. Und das kam so: Im Rahmenprogramm wollte sich so ein Wahnsinniger mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug namens PO- 2 (gesprochen PODWA) stürzen. (Dieser Wahnsinnige war Udo Varchmin, von dem später noch die Rede sein wird). Er packte vor den staunenden Modellbauern seinen Schirm. Das war’s dann aber auch, der Wind war zu stark. Wie man so sagt: „Außer Spesen nichts gewesen“, anderseits auch eine Lehre fürs spätere Springerleben: Fallschirmspringen findet nun mal nicht im Saal statt und ein paar Meter Wind zuviel oder etwas tief hängende Wolken können einem schon den schönsten Sprungtag versauen.
Statt Flugmodelle zu bauen, wäre ich lieber selbst geflogen, vor allem nachdem ich als Preis für meinen Bezirksmeistertitel 1956 in der Klasse A 1 einen Mitflug im Doppelsitzer über Purkshof gewonnen hatte. Aber von Kühlungsborn aus war das schlecht zu machen von wegen fehlendem Fahrgeld, ungünstiger Zugverbindung usw. So musste es erst mal bei dem Wunsch bleiben.
Das hätte sich im Jahr 1958 ändern können. Ich hatte inzwischen mein Abitur gemacht und war seit Sommer bei der Fahne und zwar in der Flugsicherungskompanie des FTB (was soviel heißt wie: Fliegertechnisches Batallion) 2 in Drewitz (liegt zwischen Guben und Cottbus). Dort gab es einen Segelflugverein. Der war aber leider voll. Absolute Anfänger wie mich nahm man nicht. Also war es wieder nichts mit der Fliegerei. Aber es gab auch einen Fallschirmsportverein, womit ich nun endlich beim eigentlichen Beginn meiner Geschichte bin.
Kapitel 2: ASG Vorwärts Drewitz, Sektion Fallschirmsport
In Drewitz hatte man- meines Wissens zum ersten und einzigen Mal in der NVA- im Rahmen der ASG (Armeesportgemeinschaft) einen Fallschirmsportverein gegründet. Ende 1958 begann die theoretische Ausbildung durch Leute vom Fallschirmdienst (Uffz. Gottschalk, Fw. Pfahl u. a.). Wir waren so etwa zwanzig Anfänger. Einer von diesen war auch der spätere Chef des Fallschirmdienstes der Luftstreitkräfte (oder der NVA?) Elsner oder Elstner, damals noch Flugzeugmechaniker und Feldwebel. Die Ausbildung, vor allem im Packen, war mehr als gründlich. Am Schluss konnten wir den PD 47 mit verbundenen Augen, bandagierten Händen und gefesselten Beinen zusammenwürfeln.
Dann nach etwa 6 Monaten war es endlich so weit: Für den 24.05.1959 wurde der erste Sprungtag angesetzt und zwar auf dem Flugplatz Bronkow in der Nähe von Calau. Es war in jeder Beziehung ein Traumtag. Die Sonne lachte, der Wind war unter 5m/s, die AN- 2 der Division einsatzbereit und die Jungs nicht mehr zu halten, auch wenn die Hosen flatterten. Am Ende des Tages fuhren alle mit breiter Brust wieder nach Drewitz zurück, Es war so wie in dem Brief des Studenten an seine Oma („Liebe Oma, gestern wusste ich noch nicht wie Inscheniör geschrieben wird, heute bin ich schon selber einer:“).
Dabei war der erste Sprung für damalige Verhältnisse insofern etwas außergewöhnlich, als teilweise gleich mit manueller Öffnung gesprungen werden musste. Der Grund: Es gab nicht genug Aufzugsleinen. Deshalb bekamen einige (darunter war auch ich) einen Automaten verpasst, dieser wurde auf größere Höhe gestellt und los ging’s. Natürlich zog der KAP.
Absetzer war übrigens der später auch in GST- Springerkreisen bekannte Stabsfeldwebel Regell.
Es gab auch einen weiteren Grund zur Freude an diesem Tag, allerdings war es eher Schadenfreunde. Chef des Fallschirmdienstes in Drewitz war zu jener Zeit ein gewisser Hauptmann Ludwig, ein außergewöhnlich kleiner und leichter Mensch, was man bei einem Stockmaß von unter eins sechzig und knapp sechzig Kilo wohl zu Recht sagen kann. Das hielt ihn aber nicht davon ab, mit einem D 1 zu springen. Der Kenner weiß, dass es sich dabei um einen runden sowjetischen Luftlandeschirm mit gigantischen 81 m² handelte. Mit diesem hatte er sozusagen ein Abonnement auf Außenlandungen. Die Unteroffiziere des Fallschirmdienstes feixten natürlich als ihr Chef, sonst ein ziemlicher Giftzwerg, sich in den umgebenden Wald nieder senkte. Die hatte in der Bergung schon Routine, da auf 10 Sprüngen mindestens 8 Außenlandungen kamen.
Im Jahr 1959 folgten für mich dann noch weitere 3 Sprünge, so dass ich im Sommer des folgenden Jahres mit stolzen 4 Sprüngen entlassen wurde, einer damals durchaus beachtlichen Sprungzahl.
Noch ein kleiner Nachtrag: Im meiner Kompanie diente damals auch Hannes Stübner, auch „Stubenrauch“ genannt, der rund 10 Jahre später wieder in diesem Bericht erscheint.
Kapitel 3: Die frühen 60er Jahren (Udo Varchmin/Purkshof)
Als ich mich im Herbst 1960, nach Beginn meines Geologie- Studiums in Rostock, beim Oberinstrukteur Fallschirmsport für die Nordbezirke, eben dem o. g. Udo Varchmin meldete, war dieser deshalb ganz angetan, einen so „routinierten“ Zuwachs zu bekommen.
Zu der Zeit vor 1960 im Norden kann ich deshalb keine Angaben machen, die auf eigener Anschauung beruhen. Die „Alten“ erzählten von irgendeinem Ausflug nach Lauscha, wo sie in den angrenzenden Weinbergen bei Freyburg an der Unstrut gelandet waren, ebenso von Sprüngen in Neustadt- Glewe. Wer, wo und wann nun die allerersten Sprünge machte, weiß ich nicht. Vielleicht schafft ja der Rücklauf hier mehr Klarheit, ich habe nämlich vor, den Entwurf auch an die Überlebenden aus diesen frühen Tagen zu versenden.
Udo Varchmin- übrigens nach mir vorliegenden, verlässlichen Informationen in diesem Jahr verstorben- war damals (1960) schon in fortgeschritten Alter, zu mindestens auch der Sicht eines Zwanzigjährigen. Tatsächlich war er vielleicht Mitte vierzig, war also wie auch andere ältere Kameraden schon bei der Wehrmacht gesprungen und war in Italien im Einsatz gewwesen. Nach dem Krieg nahm er an den Mariutkin- Lehrgang teil, den man getrost als Geburtsstunde des Fallschirmsports in der DDR bezeichnen kann. Der müsste 1955 gewesen sein. Die Lehrgangsteilnehmer waren es, die teilweise bis zur Wende, in der Springerei das Sagen hatten, sowohl bei der GST, als auch bei Dynamo. Auf die Schnelle fallen mir folgende Namen ein: Günther Schmitt (etwa 1965 nach Unfall mit Beinverkürzung aufgehört, danach Luftfahrtjournalist und Buchautor), Günther Schmidt (Dynamo- Chef), Manfred („Katze“) Schmidt (zeitweise OI Magdeburg), Emil Schmidt (OI Berlin), Egon Schmidt (Dresden), Udo Varchmin (s. o.), Vinzenz Przcybichyn oder so (OI Karl- Marx- Stadt), Morosowski, Vorname? (Wismut), Anita Stork (Dynamo), Walter Stiller (OI Cottbus). Dass die Namen in jedem Fall, allein schon bei den zahlreichen Schmidts, richtig geschrieben sind, kann ich nicht garantieren.
Für den Außenstehenden schien der damalige DDR- Fallschirmsport ohnehin ein Familienunternehmen eben dieser Schmidts zu sein, wobei die tatsächlich wohl weder verwandt noch verschwägert waren. So soll es mal zu folgendem Missverständnis gekommen sein: Ein Delegation aus einem „sozialistischen Bruderland“ kam nach Schönhagen (Zentrale Flugsportschule der GST) und wurde von der Schulleitung einschließlich der Sprunglehrer empfangen. Der Erste stellte sich zackig mit „Schmidt“ vor, ebenso der Zweite und der Dritte. Die Delegation, der Meinung, dass es sich um einen Gruß wie z. B. „Sport frei“ handelte, soll mit einem dreifachen „Schmidt- Schmidt- Schmidt“ geantwortet haben.
Um nun wieder zu meiner Geschichte zurückzukommen: Damals war man mit 50 Sprüngen schon ein Routinier, mit 100 ein absoluter Könner. 250 (wie bei Udo) war eine Sprungzahl, bei der einem vor Staunen der Mund offen stehen blieb. Dass man nicht wie heute oder auch in den 70er- und 80er- Jahren Sprünge „schruppen“ konnte, hing vor allem mit der damaligen spärlichen Ausstattung der GST bei Absetzflugzeugen zusammen. Diese bestand, was die AN- Flotte betraf, nur aus einer Maschine, ich glaube der DM- WCZ. Pilot war der dicke Prodolski, Mechaniker der lange Hannes Burkhardt aus Leipzig (später selber ein exellenter Springer) sowie Horst Richter (später Pilot der 2. AN- 2). Die kamen aus Schönhagen und zogen quasi als Wanderzirkus von Platz zu Platz. Man kann sich ausrechnen, wie oft man in der Saison rankam, von schlechtem Wetter, Flugsperre und anderen Freunden der Springerei ganz zu schweigen. Die PO- 2 waren 1960 nicht mehr im Einsatz, jedenfalls nicht als Absetzmaschinen, allerdings kam dann dafür die eine oder andere L-60 (für die Jüngeren: Absetzflugzeug aus CSR- Produktion abgeleitet vom legendären Fieseler Storch, 3 Springer).
Fallschirmtechnisch war das die Zeit des PD- 47 („quadratisch, praktisch, gut“). Man schwebte an 72 m² dünnem Baumwollstoff und Fangleinen so dick, wie der kleine Finger der Erde entgegen. Mit etwa 1,5 m/s Vortrieb hatte man die Illusion, steuern zu können, was bei Windgeschwindigkeiten unter 5 m/s sogar tatsächlich funktionierte. Mit Ersatzgerät (PZ- 47, quadratisch oder PZ 41a, rund) wog die ganze Fuhre runde 25 Kilo und war auch entsprechend groß. Die 1960/61 im Einsatz befindlichen Schirme waren meist noch original SU- Produktion. Allerdings waren sie knapp, so kamen in der Anfängerausbildung meist zwei Mann auf einen Schirm, ein Grund mehr für bescheidene Zuwächse bei den Sprungzahlen.
Daneben gab es schon die ersten reinen Sportschirme, mit dem sowjetischen T- 2 (ein Schlitz, Vortrieb vielleicht schon 3m/s), wohl den ersten überhaupt. Die waren aber für die Hauptamtlichen und Lehrer reserviert, als Sprilli (Anfänger) durfte man sie nur von weitem bewundern. Der PD- 47- dann allerdings aus DDR- Produktion- war noch bis etwa 1967 im Einsatz und damit über rund 10 Jahre der Schülerschirm
Witzig war auch das damalige Ausbildungsprogramm mit seinen zahlreichen Sprüngen aus größerer Höhe (bis 2000m) und sofortiger Öffnung. Mit dem PD- 47 hatte man eine reelle Chance am Erdball vorbei zu springen. Zwar wurde viel Mühe auf die Bestimmung der Abdrift gelegt (Testschirm, manchmal auch Testspringer), aber wegen des schwer zu kalkulierenden Höhenwindes (Theodolith und Pilotballon wurden bei besonderen Anlässen wie Flugtagen verwendet) ging das aber häufig in die Hose. Kaum hing man am Schirm, schon war man „ritsch- ratsch“, wie der Genosse Kossonsow in der o. g. Geschichte von der Kuh im Propeller richtig sagte, über dem Platz und dann hieß es:“ Lieb Heimatlande ade’“. Deshalb wurde bei jedem Sprung auch die Tragetasche gefaltet unter dem Ersatzgerät mitgeführt. Ich erinnere mich besonders in Purkshof und Güstrow an herrliche Überlandflüge. Der Rückmarsch war dann allerdings etwas schweißtreibend. Zurückholen mittels LKW gab es nur, wenn die ganze Truppe draußen lag. Für den Einzelspringer wurde- da man von eigener Blödheit und stabilen Knochen ausging - der LO (damals wohl eher noch Phänö) selten angeschmissen. Deshalb erwarb man mit der Lizenz gleichzeitig auch das Abzeichen für Wandern und Touristik. (Ist natürlich ein Scherz).
Es war wie gesagt, die Zeit der spektakulären Außenlandungen. Einige Beispiele: In Güstrow wohnte am Platz ein leicht asozialer Kleintierhalter und zwar in dem barackenartigen Gebäude zwischen Halle und Straße. Sogar in dessen engen Hühnerhof von gerade mal 5x5m landete eine mir namentlich nicht mehr bekannte Sprungschülerin und zwar ohne Material-, Geflügel- und Personenschaden, ein reife Leistung. Zur Belohnung machen wir sie sozusagen zur namenlosen Heldin unserer Geschichte. Ein paar hundert Meter in Richtung Osten lag bzw. liegt noch? ein Gehöft. Das visierte eine weitere Sprungschülerin an (keine antifeministische Propaganda sondern einfach Zufall). Was sie traf, war die Hundehütte. Der darin schlummernde Köter flitze raus, riss dabei die Kette durch und attackierte sie anschließend. Aber schließlich ging auch das ohne Schäden ab.
Ein Höhepunkt waren auch die so genannten „Sprünge aus Flugfiguren“, über deren Sinn ich mir immer noch nicht im Klaren bin. (Evtl. wollte man das Verlassen der Maschine in Notsituationen trainieren?). Beim Sprung aus dem Sturzflug war man für einen Moment fast schwerelos und klebte unter der Decke. Es war lustig anzusehen wie der Absetzer, der sich in der Tür festgeklemmt hatte, die Springer einzeln von der Decke holte und nach draußen schob. Beim Abfangen kracht alles was dann noch nicht draußen war mit Getöse von der Decke. Das Gegenteil war beim Sprung aus Kurve und Spirale der Fall. Wegen der höheren Schwerkraft hatten alle lange Gesichter, saßen auf dem Arsch und versuchten krampfhaft über die Türschwelle zu kommen, was große Anstrengung erforderte. Hat man das mal erlebt, ist man nicht scharf darauf einmal im Notfall z. B. bei trudelnder Maschine, springen zu müssen. Das könnte auch schell mal schief gehen.
Mein erster Lehrgang bei der GST war allerdings ein Schlag ins Wasser. In November 1960 kam die AN nach Purkshof Außer Regen und einem Krawallsprung der Experten bei Windgeschwindigkeiten von 10 bis 15 m/s war nichts. So zogen wir Anfänger nach einer Woche ohne Sprung ab. Dafür hatten wir uns im Zelt auf Stroh und einer Decke pro Nase den Arsch abgefroren, außerdem eine Woche den Fraß von Frau xxxx (keine Namen, Frau des Hausmeisters) reingewürgt. (Anm.: Die Verhältnisse waren damals was die Unterkünfte betraf- gemessen auch an denen später in Neustadt- doch sehr spartanisch. „Verpflegungsmässig“ war das auch nicht toll, da nach der Kollektivierungsaktion in Winter 1959/60 die DDR- Landwirtschaft ziemlich auf der Schnauze lag und deshalb der Brotkorb hoch hing. Außerdem war die Frau xxxx wirklich eine saumäßige Köchin!!! Aber das wurde als unvermeidbar klaglos ertragen, denn schließlich wollte man ja springen. Alles andere war Nebensache).
Auch bei dieser Gelegenheit gab es einen Riesenlacher und das kam so: Nach dem durchweg schlechten Wetter des Herbstes 1960 stand der Platz in Purkshof teilweise unter Wasser, insbesondere die SW- Ecke beim Objekt war eine riesige Pfütze. Auf diese wies Udo Varchmin vor dem bewussten Sprung (s. o.) die Gipsaspiranten- derartige Windgeschwindigkeiten waren am PD- 47 schon eine heiße Kiste, da hatte man sozusagen die Krankenhauseinweisung bereits am Start in der Tasche- beim (heute würde man sagen) „Briefing“ besonders hin. Und wie es im Leben so spielt, der Einzige der die Pfütze traf war „uns Udo“. Er schlug am Anfang ein und durchquerte den Tümpel am offenen Schirm in voller Breite mit herrlicher Bugwelle. Das war wahrscheinlich die Geburtstunde des Kitesurfens. Fröhliches Grinsen auf den Gesichtern der Umstehenden, offen zu lachen haben wir uns nicht getraut.
Die eben vergatterten Springer verteilten sich in den dahinter liegenden Kartoffel- und Getreidefeldern, besonders gut zu erkennen, wenn bei Einschlag eines Springers die damals üblichen Getreidegarben (Mähdrescher waren noch selten) hoch in die Luft wirbelten.
Purkshof war zu dieser Zeit der hauptamtlich besetzte Motorflugstützpunkt der Nordbezirke. Hier fand die Ausbildung für die angehenden Piloten der NVA auf der Jak 18 statt, weshalb es mehrere hauptamtliche, d. h. angestellte Fluglehrer gab. Auf diesem war auch der ebenfalls hauptamtliche Oberinstrukteur für Fallschirmsport (Udo Varchmin) stationiert, weiterhin der Fallschirmwart- in diesem Fall die „Fallschirmwartin-“ Gisela Kowalczyk, die glaube ich auch Lehrerin war. Dann gab es nur noch einen, allerdings ehrenamtlichen Lehrer mit damals vielleicht 100 Sprüngen, Klaus Rosenberg. „Alte Hasen“ waren u. a. Herbert Stern (alter Fallschirmjäger, bis etwa 1966 noch als Springer aktiv, dann noch viele Jahre Segelfluglehrer) und Manfred Tietze, der aber bereits 1963 oder 64 die Springerei an den Nagel hängte.
Die Anfänger, eine Truppe von vielleicht 30 bis 40 Mann, war aus dem ganzen Norden bunt zusammengewürfelt. So kamen auch drei Mann aus meinem Heimatort Kühlungsborn (Kolle Rütgard, Knut Wiek und der kleine Grüschow, die aber eh keiner mehr kennt). Die spätere „vormilitärische“ Ausbildung d. h. die Vorbereitung auf den Dienst bei Fallschirmjägern und Fallschirmdienst gab es der späteren Form damals noch nicht. Der ganze Laden war völlig unmilitärisch, die Anfänger sprangen in Arbeitskombis oder den komischen zweiteiligen, khakifarbenen GST- Unformen, teilweise in einfachen Arbeitsschuhen. Die bekannten hellblauen Sprungkombis waren Lehrern und sonstigen Halbgöttern vorbehalten. Dabei herrschte eine ziemliche Fluktuation. Die Leute kamen, machten ein paar Sprünge und erschienen nicht wieder. Nur wenige blieben wie zum Beispiel Klaus Helms ursprünglich aus Parchim , heute Ückermünde, (begonnen 1961, 1964 Sprunglehrer, 1968 aufgehört, aus Gründen über die später noch zu berichten sein wird), Wolfgang Meyn ebenfalls Parchim (1963/64 für kurze Zeit mal hauptamtlich, weshalb er das nicht blieb, kann er nur selbst berichten). Ein weiterer bin ich.
Gesprungen wurde nicht nur in Purkshof sondern auch auf anderen Plätzen z. B. Güstrow. Wie die Alten (s. o.) erzählten, waren sie 1960 auch schon mal in Neustadt- Glewe.
Für mich brachte das Jahr 1961 den Durchbruch. Nach zwei erfolgreichen Lehrgängen in Güstrow im Frühjahr ging ich im Sommer mit inzwischen stolzen 20 Sprüngen zum Lehrerlehrgang nach Schönhagen, mit mir noch aus dem Norden Wilfried Nitsche (Lehrerstudent aus Greifwald, auch „Semjon“ genannt) und Fritz?..Kuhl (Student der angewandten Kunst an der Fachschule Heiligendamm). Beide hörten dann aber bald wieder auf, wahrscheinlich schon im folgenden Jahr.
Der Lehrerlehrgang war toll. Er ging über 4 Wochen. Wir waren sozusagen die Lehrer der 3. Stunde nach Marjutkin und einem weiteren Lehrgang 1958 oder 1959. Lehrgangsleiter war Wolfgang Laue aus Halle, der von einem zweiten Lehrer (Linde, stammte aus der Umgebung von Schönhagen) sowie zwei Madels von der damaligen Nationalmannschaft Elli Reimer und Renate Fürstenau assistiert wurde, beides nette und ansehnliche Frauenzimmer. Fallschirmtechnik lehrte auch der Fallschirmwart der Schule Schmilk (Vornamen vergessen). Weitere Lehrgangsteilnehmer, an deren Namen ich mich noch erinnere waren Werner Winzer aus Berlin, der später (1965) die eben genannte Elli Reimer schwängerte und heiratete, Klaus Tischer und Manfred Schlieps (später Motorflieger und AN- Pilot in Gera) ebenfalls Berlin, Siegfried? Lehmann aus Ascherleben, mein Namensvetter Klaus Garbe, Halle (mit mir weder verwandt noch verschwägert, später AN- Pilot) sowie Veronika Werk (kam glaub ich aus Gera und ist dann irgendwann nach Österreich ausgereist weil sie bei der Nationalmannschaft einen Springer aus der Alpenrepublik kennen und offensichtlich auch lieben gelernt hatte). Insgesamt waren wir so etwa 20 Mann. Da fällt mir noch ein Name ein: Erika Czebulla, die später den Greschner von Dynamo heiratete. Teilnehmer war auch Dieter See aus Dresden, danach zusammen mit dem Lothar Garus bei der GST- Auswahl. Außerdem erinnere ich mich an Siegmund Janasch aus Schwarzheide/ Bez. Cottbus. Der war schon ein gestandener Mann Anfang 40 und erzählte, wie er als 15- jähriger Segelflieger für den Einsatz auf dem sog. Volksjäger He 163 geschult wurde. Um auf eine ähnlich hohe Landegeschwindigkeit zu kommen, sägte man beim Habicht (Segelfugzeug, speziell für Kunstflug) einfach die Flächen ab. Gebremst wurde mittels der mit Stacheldraht umwickelten. Für uns heute unglaublich, aber trotzdem wahr.
Ich habe im Rahmen des Lehrgangs 20 Sprünge gemacht. Einer war besonders bemerkenswert und schmerzhaft. Schuld daran war meine Blödheit, man kann es leider nicht anders sagen. Schuld war aber auch die Tatsache, dass 1961 die Gummileine noch der Erfindung durch Vinzenz Prczybichin (s. o.) harrte, weshalb die Verzögerungssäcke nach der Öffnung separat durch die Gegend flogen. Verluste waren nicht zu vermeiden, Ersatz war knapp. So musste bei Sprüngen mit sofortiger Öffnung eben auch mal ohne Verzögerungssack gesprungen werden, was dadurch möglich war, dass es im Tornisterboden auch Gummischlaufen gab, in die dann eingeschlauft werden konnte. So hatte ich auch gepackt, als plötzlich das Programm geändert und ein 10“- Verzögerungssprung angesagt wurde. Da ich nicht nur dumm sondern auch faul war, fragte ich Wolfgang Laue: „Kann man auch ohne Verzögerungssack Verzögerung springen. Antwort: „Man kann!“ Das hinterhältige Grinsen übersah ich leider zu meinem eigenen Schaden. Also rein in die Kiste, in 1000m raus, 10“ gebeutelt und gezogen. Als ich den Griff halb raus hatte, tat es einen fürchterlichen Schlag. Der Schirm ging auf, wegen des fehlenden Verzögerungssacks, mit einem brutalen Ruck. Ich schlug mir den Griff aufs Maul und bekam das Kabel über das Auge. Ergebnis: Eine durchgeschlagene, stark blutende Unterlippe und ein gewaltiges Veilchen. Das Auge quoll fast völlig zu, so dass ich kaum noch sehen konnte. Die rote Suppe lief über das Ersatzgerät. So kam ich schwer angeschlagen unten an, von schadenfrohem Gelächter empfangen, denn Laue hatte die anderen schon darauf vorbereitet, dass ich wohl etwas ramponiert zurückkommen würde. An dem Tag war ich der Depp! Es war leider nicht das letzte Mal.
Aber egal, die Blessuren heilten ab und ich kam sowohl mit Springer- als auch Lehrerlizenz (Lizenz Nr. 0064) sowie breiter Brust wieder nach Hause. Jetzt war ich berechtigt, die hellblaue Kombi zu tragen und bekam personengebundene Sprungschuhe! Außerdem durfte ich die ersten Sprünge mit dem bereits erwähnten T- 2 und dem in jenem Jahr ausgelieferten RL- 1 machen. (Anm.: Der RL- 1 war der erste in Seifhennersdorf entwickelt Schirm. Dort produzierte man nicht nur PD- 47 und die Ersatzgeräte in Lizenz, sondern begann auch mit Eigenentwicklungen, die im Falle des RL- 1 aber nur teilweise gelang. Der RL- 1 war eine Kopie des T- 2, teilweise besser, denn er war bunt (rot/weiß), eigentlich aber schlechter, denn es war die reine Affenschaukel. So habe ich mir bei einer Bumslandung das Knie lädiert. Das verblasste aber vor der Tatsache mit einem bunten Schirm gesprungen zu sein).
Am Jahresende 61 hatte ich dann unglaubliche 56 Sprünge, hatte also meine Sprungzahl in einem reichlich halben Jahr mehr als verzehnfacht. War ich stolz!
Das Folgejahr war durch zwei einschneidende Ereignisse gekennzeichnet. Zuerst war es „buisness as usuell“: Lehrgang in Güstrow mit L- 60 (März), Ausflug nach Halle (Juni), Lehrgang in Purkshof mit AN- 2 (Juli), Lehrgang in Güstrow (August, AN- 2). Dann im September passierte es. Unter den Anfängern war ein nicht ganz junger, nicht ganz großer aber dafür breiter Mensch, der den Fallschirmsport im Norden in den nächsten dreißig Jahren in Atem halten würde: Kalle. (Entschuldige Kalle, Du weißt aber wie das gemeint ist und weißt auch, dass ich Dich als langjährigen Mitstreiter und guten Kumpel sehr schätze).
Sein Einstieg war ziemlich spektakulär, wofür er selbst aber am wenigsten konnte. Beim ersten oder einem seiner ersten Sprünge marschierte ihm so ein Dödel vom Fallschirmdienst (Gastspringer, Name?) in etwa 200 m durch die Fangleinen, so dass beide an einem Schirm landen mussten. Der unten hängende Armist nahm etwas Schaden, Kalle blieb wie üblich unverletzt. Es war sozusagen schon eine Art Tandemsprung, gemäß des moltkeschen Grundsatzes: “Getrennt sinken- vereint landen“.
Es kam aber noch schlimmer und zwar wie man so sagt, aus politischen Gründen: Nach dem Bau der Mauer 1961 wurde zur „Vorbeugung“ und wegen entsprechender „Vorkommnisse“ auch die grüne Grenze dichter gemacht, 1962 dann auch die Seegrenze, so wurde z. B. in den Ostseebädern die Vermietung von Ruderboten verboten etc. Weil die Genossen offensichtlich der Meinung waren, man könnte ja auf die Idee kommen die Fliege zu machen, zumal man Dänemark ja schon aus ein paar hundert Metern sieht, beschlossen sie Purkshof dicht zu machen. Das kam- wie damals üblich- Knall auf Fall, ohne jede Vorwarnung. Ob die Sache während des Septemberlehrgangs schon bekannt war, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Auf jeden Fall waren über Purkshof dann rund 30 Jahre keine Fallschirme zu sehen, zu mindestens kein zivilen.
Auf dem Platz ging es nach dieser Entscheidung natürlich drunter und drüber. Die Motorfluglehrer gingen nach Halle, die Gisela Kowalscyk- da mit einem solchen liiert- ebenso, Udo haute aus irgendwelchen Gründen in den Sack und kehrte der Springerei völlig den Rücken, der Hausmeister (der mit der tollen Köchin) ging zum Haus der Jungen Pioniere nach Rostock, die Segelflieger suchten erst in Güstrow, dann in Schmoldow bei Greifswald Asyl. So fanden alle ein Unterkommen, nur die Springer saßen da und guckten blöd. Das war das jähe Ende der Ära Purkshof/Varchmin.
Es gab 1962 aber noch ein kleines Nachspiel. Im November oder Anfang Dezember fuhren Klaus Rosenberg, Herbert Stern und ich zu einem zentralen Nachtsprunglehrgang nach Leipzig (Mockau). Wir Teilnehmer wurden in der ungeheizten Veranda einer Gartenkneipe in Flugplatznähe untergebracht, weshalb nachts Heulen und Zähneklappern angesagt war. Aber das nur nebenbei. Zum ersten Nachtsprung kamen wir nicht, da das Wetter nach heutigem Sprachgebrauch „grenzwertig“ war und der erste Start gründlich in die Hose ging. Es erwischte die Frauen- Nationalmannschaft, die hier als Versuchskaninchen herhalten musste. Wegen eines groben Absetzfehlers hingen die Madels aussichtslos über den Kleingärten, wohl wissend, dass die Lauben, Gartenzäune und Obstbäume (zumal bei absoluter Dunkelheit) für eine sichere Landung nicht gerade ideal waren. Allerdings gab es in der Gartenkolonie offensichtlich einige glatte, da gleichmäßig weiße (verschneite) Flächen, die man als Rasenflächen interpretierte. So beschloss man dort zu landen. Es stellte sich aber heraus, dass es sich tatsächlich um leicht überfrorene und deshalb schneebedeckte Tümpel handelte. Den Rest der Nacht war die ganze Truppe dann mit der Bergung und Trocknung von Mensch und Material beschäftigt. Zum Springen kamen wir nicht.
Kapitel 4: Ein schwieriger Neubeginn
Nach der Schließung von Purkshof und dem Ausscheiden herrschte eine gewisse Unsicherheit, wie es ohne Hauptamtlichen weitergehen sollte. Für die beiden ehrenamtlichen Lehrer Klaus Rosenberg und mich war die Weiterführung des Geschäftes allein schwer bis unmöglich, schließlich hatte man noch andere Verpflichtungen, ich z. B. mein Studium. Den wichtigsten organisatorischen Kram macht zwar der fliegerische Oberhäuptling beim Bezirksvorstand in Rostock Gerhard Zinke, es blieb aber noch eine Menge Kleinkram. Die Schirme lagen im Kreisvorstand Rostock- Land in der Baracke an der Rennbahn (Nähe Fernsehturm). Auf jeden Fall kamen wir Anfang 1963 schwer in Gange. Am Schluss klappte es nur, weil mit Schmilk aus Schönhagen hauptamtliche Hilfe kam.
Voran es im Einzelnen lag, dass es in den ersten Sommermonaten der bewussten Saison nicht lief, weiß ich auch nicht mehr. Tatsache ist aber, dass ich mit nur zwei Sprüngen Vorbereitung gemeinsam mit Klaus Rosenberg und Herbert Stern zu den ersten DDR- Meisterschaften im Fallschirmsport fuhr, die vom 05. bis 10.08.1963 in Schönhagen stattfanden. Mit irgendwelchen guten Platzierungen konnten wir eh nicht rechnen, da wir mit unseren T- 2 sozusagen hoffnungslos „untermotorisiert“ waren; die anderen sprangen ausnahmslos leistungsfähigerer Schirme aus Seifhennersdorf (RL- 3, RL- 3/2). Außerdem war ich mit meinen bis dato 89 Sprüngen der bei weitem unerfahrendste Teilnehmer. Nur die Verletzung einiger Konkurrenten war es zu danken, dass ich hinten aber nicht ganz hinten landete. Es war aber trotzdem ein Erlebnis. Die Medaillen holten erwartungsgemäß die Leute von Dynamo, wer genau weiß ich wirklich nicht mehr.
Für mich endete die Meisterschaft wieder mit einem „Vorkommnis“. In Schönhagen hatte ich einfach immer nur Pech (die übliche Ausrede aller Trottel), und das ging so: Auch 1963 war die Gummileine noch nicht erfunden, die Jagd nach dem Verzögerungssack also die erste Amtshandlung nach der Landung. Es war wohl der letzte Tag der Meisterschaft und Freifall stand auf dem Programm. Die „Oberliga“ wie Dynamo sprang zwar schon Figuren, wir aus der Bezirksliga waren mit einem sauberen Freifall zufrieden. Gewertet wurden Abweichungen von der Ideallage durch drei Schiedsrichter, die dazu durch große Ferngläser guckten und um was zu sehen, die Sonne im Rücken haben mussten. Abgesetzt wurde also so, dass die Schiedsrichter was sahen, egal wo der Springer dann landete. An diesem Tag war das meist der Kienberg auch Monte Kien genannt, eine kahle, mit Heidekraut und Birken bewachsene Kuppe am Rande des Flugplatzes. Da die Starts schnell aufeinander folgten und der Fußweg zur Packzone doch ziemlich zeitaufwändig gewesen wäre, gab es einen Rückholdienst. Rückholfahrzeug war ein alter Russenjeep d. h. der Nachbau des Ami- Modells aus dem 2. Weltkrieg. Wegen des warmen Wetters und wohl auch wegen der besseren Sicht, war das Verdeck umgeklappt. Es war also so eine Art Kabrio, was für die Geschichte durchaus wichtig ist. So hing ich denn am Schirm über dem Monte Kien und sah meinen Verzögerungssack ganz nahe der Piste landen, auf welcher der Jeep ankam um mich abzuholen. Beseelt von dem Wunsch möglichst am Landepunkt meines Verzögerungssacks zu landen, steuerte ich eben diesen Punkt an. Wie es kommen musste: Der Fahrer (Springer aus Cottbus, Namen?) dachte wohl, dass ich vor ihm landen, ich erwartete dass er weiterfahren würde. Das Ende vom Lied, er hielt an und ich donnerte hinten auf den Rücksitz. Zwar gab keinen Personen- und nur geringen Sachschaden, ich war aber nun schon zu zweiten Mal der Depp von Schönhagen, da für den Fahrer Diskretion natürlich ein Fremdwort war und er nichts Eiligeres zu tun hatte, als meinen kleinen Fehltritt überall auszuposaunen. Hätte ich aber an seiner Stelle wohl auch gemacht.
Nach der Meisterschaft muss dann Klaus Rosenberg aufgehört haben, ich finde danach seine Unterschrift in meinem Sprungbuch nicht mehr. Zu den Gründen für sein Ausscheiden könnte er nur selbst was sagen. Er wohnt irgendwo im Rostocker Nordwesten, Lütten Klein, Lichtenhagen oder so.
Bevor ich das Jahr 1963 weiter abhandeln kann, müssen wir noch mal in das Frühjahr (Mai) zurückgehen, als uns eine Sprungschülerin einige sehr bange Sekunden bescherte. Aber der Reihe nach. Ich hatte als frischgebackener Lehrer in dem Winter in Rostock eine Truppe von etwa 10 Leuten ausgebildet, Männlein und Weiblein. (Die Ausbildung fand in der genannten Baracke an der Rennbahn statt). Diese sollten in Güstrow nun ihre ersten Sprünge machen. Nach meinem Sprungbuch war das der 23.05., Sprungleiter war der bereits erwähnte Kamerad Schmilk, Pilot der eingesetzten L-60 ein gewisser Landgraf aus Anklam (im Hauptberuf Mistflieger). Der Startaufbau war am hinteren (östlichen) Platzende, nahe des Übungsgeländes der Iwans, am so genannten Franzhosenhügel. Unter den Anfängern war auch eine meiner Schülerinnen. Den Namen weiß ich nicht mehr, erinnere mich aber, dass es ein kleines gut gebautes Frauenzimmerchen war. Nun muss man wissen, dass in der L- 60 der Springer die Leine in einem Ring am Pilotensitz einhängen musste. Der zweite Springer hatte dann die Leine des ersten einzuholen, auszuklinken, seine eigene einzuhängen und dann erst dann zu springen. Beim dritten sollte das ebenso laufen. Dieses Einholen, Ausklinken und Einhängen versäumte die bewusste Schnecke, pflanzte sich mit ihrem (wohlgeformten) Popo auf die Leine des Vordermanns und wartete auf das Sprungkommando. Freund Landgraf griff an den Ring, fühlte den Karabinerhaken und in dem Glauben, dass es die Leine unserer Hübschen war, ließ er sie springen. Sie sprang und fiel und fiel und fiel mit nach wie vor geschlossenem Schirm, wurde groß, größer und immer größer, wir unten blass, blässer und noch blässer und kniffen in Erwartung des Aufschlags schon die Augen zu. Im aller-, aller-, allerletzten Moment merkte sie wohl selbst, dass da irgendetwas faul war und zog den manuellen Griff. Der Schirm ging auf, sie schaukelte ein oder zwei Mal und war unten. Plumps machte sie und Plumps machten auch die Steine die uns vom Herzen (wahrscheinlich eher aus der Hose) fielen. Während ihres Freifalls rannte ein kleiner Iwan mit ausgebreiteten Armen zur voraussichtlichen Aufschlagstelle um die Fallende aufzufangen. Das hätte, außer einem ganz dollen Aua für ihn, zwar nichts gebracht, hier zählte schon allein der gute Wille. Das war mal endlich praktische deutsch- sowjetische Freundschaft. Die Kleine sprang nach der Landung hin und her und fand ihren ersten Sprung richtig toll. So ist das mit dem Mut der Unwissenden.
Im August gab es dann noch einen richtig guten Lehrgang mit schönem Wetter und vielen Sprüngen, meinen ersten in Neustadt- Glewe. Der nächste muss dann im Oktober gewesen sein, ebenfalls in Neustadt. Er endete aber schon nach wenigen Starts auf tragische Weise, weshalb sich in meinem Sprungbuch auch keine Eintragung findet. Ich kam auf jeden Fall zu spät, d.h. der Sprungbetrieb hatte schon begonnen. Ich stellte meine Sache ab und ging noch in Zivil zum Start, um mich anzumelden und erst einmal die Lage zu peilen. Draußen auf dem Platz stand der AN- Mechaniker aus Schönhagen, dessen Namen ich aber vergessen habe, Schmidtchen war es auf jeden Fall nicht. Kaum hatte ich mit dem ein paar Worte gewechselt als die Umstehenden plötzlich wie gebannt nach oben starrten. Was sie (und dann auch wir) sahen war nicht erfreulich. Ein Springer- wie sich später herausstellte eine Springerin- ging mit Fahne zu Boden, ohne das Ersatzgerät zu ziehen oder überhaupt einen Versuch zu machen, aus dieser Klemme herauszukommen. Mit einem dumpfen Schlag schlug sie in der Nähe des Objekts auf. Die Aufschlagstelle muss etwa im Bereich des alten Manifestes liegen. Sie ist durch einen Betonstein mit den Initialen EN (Erika Neumann) und dem Datum markiert. Erika Neumann kam aus Greifswald und es war ihr erster, gleichzeitig auch letzter Sprung. Ursache war (wahrscheinlich) ein Fehler beim Einschlaufen.
Dazu muss man wissen, dass damals auf dem Verzögerungssack Stoff- und keine Gummischlaufen angebracht waren und man zum Packen ein komplettes Packbesteck bestehend aus Packhaken, Packrahmen und Schrotsäcken zum Beschweren der gelegten Kappe benötigte.
Der Lehrgang war nach mit diesem Unfall natürlich zu Ende.
Danach wurde es etwas makaber. Wegen der noch ausstehenden kriminaltechnischen Untersuchungen blieb die Leiche, natürlich abgedeckt, die Nacht über draußen liegen. Das eingeteilte Wachkommando entzündete daneben ein wärmendes Feuerchen und spielte Karten, um sich die Zeit zu vertreiben. Am nächsten Tag wurde es fast noch lustig, als der von Pferden gezogene Neustädter Leichenwagen kam. Wie früher üblich, hatte er einen schwarzen, spitzenverzierten Baldachin, der von gedrehten Säulen getragen wurde, so wie in dem Film „Die glorreiche Sieben“, der eben zu dieser Zeit mit großem Erfolg in den Kinos lief und im dem Yul Brynner und Steve McQueen auf eben so einem Wagen und unter beträchtlichen Geballer durch so eine Westerntown fuhren. Die Neustädter Leichenfahrer waren aber unbewaffnet, so dass das Feuergefecht ausfiel. Der traurige Anlass verbot aber in diesem Fall das Lachen. Das war übrigens schon der zweite tödliche Unfall dieses Jahres in der DDR- Springerei. Im Frühjahr war einer- auch ein Sprungschüler- mit geschlossenem Schirm in Zwickau auf eine Gartenlaube geknallt. Davon wird in einem der nächsten Kapitel noch die Rede sein.
Zu mindestens für mich war das ereignisreiche Jahr 63 noch nicht zu Ende, ich fuhr im November zum Nachtsprunglehrgang nach Riesa, gleichzeitig Sichtungslehrgang für die geplante GST- Auswahl. Neben einem umfangreichen Sporttest unter Aufsicht von Dieter Strüber wurden noch Überprüfungssprünge gemacht, natürlich bei Tage. Für mich kam die Auswahl nicht in Frage, denn ich musste im übernächsten Jahr mein Diplom machen, außerdem war ich wohl auch zu taub bzw. es gab ausreichend bessere Kandidaten. Das Nachtspringen war dann aber richtig toll. Bei Neumond und dichter, aber ausreichend hoher Bewölkung war es unten auf dem Platz „finster wie im Bärenarsch“. Man sah wirklich nicht die Hand vor Augen. Am Schirm war das erstaunlicherweise ganz anders. So konnte man die Hecken und Baumgruppen auf den angrenzenden Flächen in Grautönen deutlich erkennen. Höhepunkt war ein Freifallsprung.
Kapitel 5: Neue Heimat Neustadt- Glewe (Marianne Oesterreich)
Ab wann die Springerei in Neustadt- Glewe ein Unterkommen gefunden hatte, ebenso seit wann Neustadt die Rolle von Purkshof als hauptamtlicher Motorflugstützpunkt übernommen hat, kann ich nicht mehr genau sagen. Wahrscheinlich war das Mitte 1963. Allerdings gibt es noch genug Leute, die das noch genau wissen müssten wie z. B. Klaus Barganz, auch schon seit etwa 1960 im Geschäft (damals Segelflieger in Purkshof). Ebenso kann ich mich nicht erinnern, wann Marianne OI Fallschirmsport wurde, vieles spricht für 1964. Auf jeden Fall hat sie etwa 1962 in Güstrow mit der Springerei begonnen, wo sie an der Agraringenieurschule in Bockhorst studierte.
Ich weiß es auch deshalb nicht, weil ich im ersten Halbjahr 1964 ein Gastspiel im Süden (Bez. Karl- Marx- Stadt) gab. Seit Beginn des Herbstsemesters 63 war ich nämlich für ein Jahr in Freiberg. Dort an der Bergakademie mussten die Rostocker Geologen ihr 4. Studienjahr absolvieren, dann ging es zur Diplomarbeit zurück an die Küste. Als nun im Frühjahr die Sonne höher stieg und die Sprungsaison begann, meldete ich mich bei Vinzenz auf dem alten Flugplatz in Karl- Marx- Stadt. Der lag am damaligen Stadtrand und existiert heute nicht mehr, weil er Ende der 60er mit einem Neubauviertel überbaut wurde. Ich wurde mit offenen Armen empfangen und gleich in die Truppe aufgenommen. Mit inzwischen 125 Sprüngen und Lehrerlizenz war ich eine willkommene Verstärkung. Dass ich als „Fischkopp“ tituliert wurde, juckte mich nicht, denn was stört einen Adler das Gekrächz einer Krähe. Und es war wirklich eine gute Truppe. Meinem Sprungbuch entnehme ich folgende Namen: Klieber, Mrosowski (Moro), Kaule (damals schon Mitte 50, hatte bei Adolf schon für die damalige Zeit unglaubliche 200 Sprünge gemacht), Dietrich (später mit der Maria Lange verheiratet), Grimm, Storch, ein Mister X, wegen seines roten Sprunganzugs nur der „Rote Kampfflieger“ genannt, der lange Rolf Buchner und „last but not least“ der „Chef vons Janze“ Vinzenz Prczybicyn (Nachname hoffentlich richtig geschrieben). Vinzenz war jemand, über den man schon ein paar Worte mehr verlieren muss. Damals vielleicht Mitte 40 kam er von der Wismut. Ein recht großer (ca. 1,80) kompakter Kerl mit deutlich über 100 Kilo, große Hände wie Grabpfoten , dabei Ähnlichkeiten mit dem braven Soldaten Schwejk (rundes Gesicht, dicke Nase, große, runde Augen). Diese detaillierte Beschreibung ist für ein späteres Kapitel noch von Bedeutung.
Von Hause aus ein ziemlicher Blubberkopp, war er trotzdem gut zu leiden und ich kam mit ihm sehr gut aus (er mit mir offensichtlich auch). Schließlich hatte er die Gummileine erfunden und darauf sogar ein Patent erworben (oder erfand sie später). Außerdem stammte der folgende bedeutsame Spruch von ihm, gerichtet an die Sprungschüler: „Den ganzen Tag sieht man die Kerle nicht, aber zum Fressen sind sie alle wieder da“.
Das bewahrte ihn aber nicht davor, von seinen Kumpeln bös aufs Kreuz gelegt zu werden und das ging so: Damals bekamen die hauptamtlichen Sprunglehrer eine Gehaltszulage. Voraussetzung war eine gewisse Anzahl von Sprüngen. Vinzenz, damals schon in den Jahren und ohnehin nicht der Supersportler, ließ es mit der Springerei eher ruhig angehen. Sprunggeil war er wirklich nicht mehr, offensichtlich aber im Rückstand mit seinen Pflichtsprüngen. An einem wunderschönen Tag (ich war auf dem Platz und garantiere, dass jedes Wort wahr ist) mit allerdings extremen Windverhältnisse (kein Bodenwind, oben aber mächtiger Priem von min. 25 m/s), die unser Vinzenz aber nicht kannte, belöffelten ihn seine Altersgenossen- wir jungen Spunde hätten uns das nie getraut- doch endlich seinen fehlenden Sprung zu machen, die Bedingungen wären doch so toll. Er ließ sich breitschlagen. Am Start wurde ihm eingeredet, dass er über dem Kreuz raus müsse, was er wegen des schwachen Bodenwindes auch glaubte und dann auch beherzigte. Er also in 2000m Platzmitte raus, es machte schnurr und er hing am Schirm (die Brüder hatten natürlich den Automaten verstellt). Ich glaube er sprang sogar einen PD. Egal, er fegte über ganz Karl- Marx- Stadt. Als er wirklich nach Stunden vom Feindflug zurückkehrte, stand er unter Volldampf. Da die Übeltäter sich wohlweislich verdrückt hatten, kriegten wir Jungschen es ab, aber so richtig, obwohl wir völlig unschuldig waren und von der Aktion erst erfahren hatten, als er schon in der Luft war. Es kommt aber noch viel besser, nur noch ein paar Kapitelchen Geduld.
Ich machte in dem halben Jahr so 35 Sprünge, für damalige Verhältnisse eine ganze Menge, sowohl in K-M-ST, als auch in Zwickau. Einer von denen in Zwickau war einer der heikleren Sorte. Es war lt. Sprungbuch am 31.05.64, einem Sonntag und es war eine Flugveranstaltung. Wir (Elli Reimer, Maria Lange und ich) sollten zeitgleich aus 3 L- 60 springen, im Freifall zusammenrücken und quasi als Dreieck fallen. So war es geplant. Abgesetzt wurde durch Signal von unten. Wir standen und standen auf dem Tritt. Endlich kam das verabredete Signal. Als wir am Schirm hingen war der Schreck groß, denn wir schwebten über dem riesigen Güterbahnhof mit Strom führenden Oberleitung und sonstigen Überraschungen. Das sah gar nicht gut aus, zumal es wegen schwachem Wind nur ganz langsam voran ging. Aber auch Richtung Heimat waren die Aussichten nicht ermutigend: Erst kam eine Gartenanlage, dahinter eine Wiese und in erst weiter Ferne der Platz, den zu erreichen man aber keine Chance hatte. So blieb als Landeplatz nur wohl die Wiese. Die beiden Mädchen, da wesentlich leichter als ich, schafften es noch „auf letzter Rille“, mich mit meinen damals vielleicht 85 Kilo erwischte es. Dummerweise lagen die Gärten quer zu meiner Fahrtrichtung und waren verdammt schmal. Entweder man riss sich an dem einen Zaun den Hintern auf oder knallte in den anderen, beides keine angenehmen Perspektiven. Aber was half es, der Boden kam schnell näher. Da hieß es nur: „Augen auf und durch“. Es ging aber alles gut, ich donnerte in ein Erdbeerbeet, der Schirm fiel über den Apfelbaum und unten war ich. Kaum stand ich wieder auf den Beinen, kam auch schon der Gartenbesitzer um die Ecke gefegt- er hatte wohl auf der anderen Seite ein wenig in der Sonne gedöst und war durch meinen Einschlag geweckt worden- und hielt mir sofort eine Standpauke. Es stellte sich heraus, dass der Verunglückte vom letzten Jahr (s. o.) mit geschlossenem Schirm auf eben seine Laube geknallt war und diese halb weggerissen hatte. Dass nach nicht einmal 12 Monaten schon der zweite Verrückte ausgerechnet bei ihm landete, nahm er irgendwie persönlich. Er verabschiedete mich mit dem Vorschlag, beim nächsten Mal gefälligst doch jemand anderes zu beglücken. Meine Versicherung, dass ich auf eine Wiederholung überhaupt keine Lust hätte, stimmte ihn nicht milder. So schieden wir im Zorn.
In meine Zeit in Freiberg fiel auch der erste Großflugtag des GST am 04., 05. und 06.06.65 in Erfurt. Der eigentlich Flugtag war wohl der 06. da der Sonntag. Ich war an dem Programmpunkt „Massenabsprung“ beteiligt. Es sprangen 30 oder 36 „Massen“ aus den drei AN- 2, über welche die GST inzwischen verfügte: DM- WCX, Y und Z (Piloten Richter, Deumeland und Prodolski, die Zuordnung muss aber nicht stimmen).
Die alte Regel: „Kein Sprung- oder Flugbetrieb ohne Vorkommnis“, bewahrheitete sich auch bei dieser Gelegenheit, betraf aber die technische Fraktion. Wir waren nämlich in einem Studentenheim der Pädagogischen Hochschule untergebracht, allerdings bei laufendem Betrieb, d. h. teilweise waren die Zimmer noch mit Studentinnen belegt. Es handelte um ein etwa zehngeschossiges Hochhaus. Nachts plötzlich ein Auflauf auf dem Flur. Was war geschehen? Ein Motorflug- Mechaniker aus Schönhagen war aus dem 3. oder 4. Stock auf den Mensa- Anbau gefallen und hatte sich den Arm gebrochen. „Na und,“ wird jeder fragen, „was ist denn daran so witzig?“. Abwarten! Bei der „Vernehmung“ der Zeugen und des Betroffenen stellte sich folgendes heraus: Die Mechaniker wohnten in Schönhagen im ersten Stock. Da es dort damals nur Gemeinschaftstoiletten am Ende des Flurs gab, stieg man- wenn nachts die Blase drückte- aus dem Fenster auf den angrenzenden etwas flacheren Anbau des Essensaals, trat an die Dachkante und pullerte in den Garten. Das ergab immer so einen schönen Bogen. Nun hatte unser Mixer an diesem Abend wie üblich das eine und andere Bier getrunken, vielleicht auch das eine oder andere zuviel. Auf jeden Fall war er hundemüde und kroch frühzeitig ins Bett. Bald drückte natürlich die Blase. Taumelig vor Müdigkeit ging er zum Fenster und stieg wie üblich auf den Anbau, bloß dieser war erstaunlicherweise nicht da bzw. lag ein paar Stockwerke tiefer. Woran er nicht gedacht hatte: Er war in Erfurt und nicht in Schönhagen. Wegen der durch einige Promille erzeugten Lockerheit beim Fall, blieb es nur bei dem harmlosen Armbruch. Glück hat auf die Dauer eben nur der Tüchtige!
Kaum hatten sich die Wogen geglättet, auf dem Flur erneutes Gejuchze und Gejohle. Es bot sich in der Tat ein außergewöhnliches Bild. Eine nackte männliche Person versuchte in einen Papiersack (für Altpapier) zu kriechen, was aber nur mit dem Oberkörper gelang. Der Rest glänzte in voller Schönheit. Auch hier gab es eine Erklärung: Der Sportsfreund (übrigens ein Springer) spürte- wahrscheinlich aus dem gleichen Grund (Alkohol)- ein dringendes Bedürfnis, wollte dazu auch ordentlich die Toilette benutzen, die sich aber nun mal am Ende des Ganges befand. Zur weit verbreiteten Gilde der Nacktschläfer gehörend, torkelte er unbekleidet den Flur entlang. Plötzlich kamen ihm einige der dort ansässigen Studentinnen entgegen, die sofort ein mächtiges Geschrei erhoben. Was sie tatsächlich sahen, ob es Schreckens- oder Entzückensschreie waren, man wird es nie erfahren. Ihm kam wohl erst in diesem Moment seine Nacktheit zu Bewusstsein, vielleicht waren es auch Minderwertigkeitskomplexe. Auf jeden Fall unternahm er diesen untauglichen Tarnungsversuch. Dieses Mal waren glücklicherweise mal die anderen die Deppen.
Noch ein Lehrgang in Güstrow und das Jahr 1964 war gelaufen. Nachzutragen bleibt, dass ich in Sachsen schon mit dem RL- 3 gesprungen war und nach meiner Rückkehr auf den besseren RL- 3/2 umsteigen konnte, der für die nächsten beiden Jahre mein Sprunggerät wurde. Inzwischen hatte nämlich Seifhennersdorf Schirme entwickelt, die besser waren als der RL-1 des Jahres 1961. Zur Produktionspalette gehörte nun auch das quer liegende Ersatzgerät BE- 3, das die alten PZ und PS vollständig ablöste. Schirme gab es nun auch ausreichend. Es ging also deutlich voran. Manuelle Sprünge wurden natürlich mit dem bewähren Öffnungsautomaten KAP- 3 absolviert.
Bemerkenswert an dem RL- 3 war die Reparaturtechnologie. Da die Kappe aus Dederon- Gewebe (sozusagen Ost- Nylon) bestand, war ein Loch kein Problem, ein kleiner Flicken, ein Klecks Duosan und in 30 Sekunden war der Schaden behoben. Kalle Hierer aus Halle, ein ganz Wilder, der bei der L-60 während des Fluges auch schon mal an den Fahrwerksstreben auf die linke Seite hangelte und dort den Piloten erschreckte, soll 30 solcher Flickstellen auf seiner Kappe gehabt haben. So sagte man, aber erzählt wird ja viel.
Die Saison 1965 begann mit einem Lehrgang in Neustadt- Glewe (26.- 29.03.). Neben der technischen, hatte sich auch die personelle Situation verbessert. Marianne war zu diesem Zeitpunkt sicher schon OI und damit auch Lehrerin, inzwischen hatten aber auch Kalle und Klaus Helms den Lehrerlehrgang in Schönhagen absolviert. Mit mir zusammen waren wir also mindestens 4 Lehrer in Neustadt, wo damals als Chef Adolf Daumann, genannt der „Graue Adler“ fungierter, ein legendärer Segelflieger, davor Jagdflieger mit einigen Abschüssen. (Anm: Wie ich vor einigen Tagen erfuhr ist Adolf unlängst gestorben, evtl. gerade als ich diese Zeilen schrieb).
Hier möchte ich nun die Geschichte mit der Gans einfügen, selbst wenn das zeitlich nicht korrekt sein sollte. Hier passt sie aber am Besten wegen des Zusammenhangs. Sie (die Geschichte) geht so: Adolf hielt auf dem Platz Gänse und zwar gleich hinter dem Hauptgebäude (Flugleitung/Unterkunft). Die latschten überall rum und schissen alles voll. Das führte irgendwann zu einer Diskussion folgenden Inhalts: Irgendjemand fand es komisch, dass Adolf so ein toller Flieger, seine Hausgänse aber - flugtechnisch gesehen- lahme Krücken wären. Das ließ Adolf als stolzer Kleintierhalter nicht auf seinen Tieren sitzen. Diese Meinungsverschiedenheit war die sachliche Grundlage der folgenden Wette: Die Gans wird in 400 oder 500m abgesetzt. Landet sie heil- zahlen die Springer. Schafft sie es nicht- Adolf. In diesem Fall würde die Gans verspeist werden. Es ging sicher um den üblichen Kasten Bier. Die L- 60 startete. Über dem Platz „sprang“ die Gans und segelte in großen Spiralen absolut souverän der Erde entgegen. Adolf grinste beifällig, den
Sieg schon vor Augen. Aber es war zu früh. War es nun eine schadhafter Höhenmesser oder nur eine falsche Schätzung, egal. In vielleicht 50m legte die Gans die Flünken an und bald darauf zog lieblicher Bratenduft durch die Küchenbaracke. (Anm.: Diese Geschichte darf ich zu Hause deshalb nicht erzählen, weil meine Frau Elke ausgesprochen tierlieb ist. Wären Adolf oder dessen Wettgegner abgeschmiert, würde sie das bestenfalls mit einem trockenen „selbst schuld“ kommentieren.)
1964/65 war es auch, als es in Neustadt eine besonders starke Springertruppe gab, Anführer war Rudi Warmbier (guter Turner), daneben Helmut Pieske (etwa 1980 aus „kaderpolitischen Gründen“ ausgeschieden worden), Klaus Ollenschläger (voriges Jahr bei der Erstauflage des Treffens schon dabei) und schließlich Kurt „Kuddel“ Abramowski nebst seinem heute angetrauten Weib Rosita. Günter Gatter, den langjährigen Fallschirmwart und Wolfgang (Butschi) Lachner hätte ich fast vergessen, Entschuldigung:
Eine ähnliche Truppe gab es auch im Osten im Raum Anklam/ Pasewalk. Hier waren es z. B. Paule Trautner (Lehrer), Bruno Drabatzky, Weigelt (später auch Lehrer) und „F…k“- Finke, dessen Spitznamen man aber aus Gründen des Jugendschutzes hier nicht ausschreiben darf, der aber darauf anspielte, dass er alles nahm, was Haare hatte, außer wie man so sagt, Kokosnuss und Tornister.
Diese starke Truppe war wohl auch der Grund, dass im Juni/ Juli ein Lehrgang mit L- 60 in Pasewalk stattfand, laut meinem Sprungbuch mit Gastspringern aus Magdeburg (u. a. Heinz Wolf und Jürgen Bakalorz). Die L- 60 flog damals Egon Vohs, heute noch in Purkshof als Motorflieger aktiv.
Höhepunkt des Jahres war aber die 2. DDR- Meisterschaft in Karl- Marx- Stadt. Für mich besonders deshalb, weil ich in der Disziplin „Kombinierter Zielsprung aus 1000m“ einen für mich guten vorderen Mittelfeld belegte (Platz 24 oder 27 von vielleicht insgesamt 80), sogar einige der 2. Mannschaft von Dynamo waren hinter mir! Wer aus Neustadt noch mit war, weiß ich wirklich nicht mehr, vielleicht schafft da der 29. Klarheit. Es gab aber bei diesen denkwürdigen Meisterschaften offensichtlich noch viele Höhepunkte anderer Art, denn am Schluss war die ganze Frauen- Nationalmannschaft schwanger, was zu einem ungewöhnlichen Hochzeits- und Babyboom führte: Wie schon erwähnt, heiratete Elli Reimer den Werner Winzer, der lange Weber die Maria und Erika Czebulla den Greschner von Dynamo usw. Die anderen Paarungen kriege ich nicht mehr zusammen.
Für mich hatte sich 1965 einiges ergeben, was nicht ohne Auswirkungen auf meine springerische Tätigkeit blieb. Seit Sommer war ich mit meinem Studium fertig und arbeitet seit August beim damaligen VEB Geophysik Leipzig und zwar in einem reflexionsseismischen Messtrupp, der zu dieser Zeit auf der Insel Rügen und in den nächsten Jahren den Norden der DDR nach vermuteten Erdöllagerstätten abgraste. Damit war ich nicht mehr Herr meiner Zeit wie als Student, sondern brauchte eine Freistellung, was aus dienstlichen Gründen oft nicht klappte.
Vom 1. bis zum 8. Juni- man schreibt schon das Jahr 1966- waren wir mit der Neustädter Truppe in Magdburg. Das war ein traumhafter Lehrgang. Mein Sprungbuch weist für diese Zeit immerhin 25 Sprünge aus. Nicht schlecht! Ich erinnere mich daran, dass ich mit Rudi Warmbier und Klaus Helms in einem Zelt lag. Die beiden- damals schon Ehemänner- gingen mir nämlich mit ihrem dauernden Palaver über Ehe, Frau und Kinder ziemlich auf den Wecker. Ich hatte zwar eine Freundin, war aber noch ledig und hatte für solche Dinge kein Ohr. Aber erst mal zurück zum Springerischen. Glanzpunkt des Lehrgangs war ein Sprung aus 4000m, mit der Anna doch ein Zeit und Sprit raubendes Unternehmen, deshalb zu GST- Zeiten auch ein seltenes Vergnügen. Auch ja, da war dann noch der Geländesprung
in Burg. Irgendwer kam auf die Idee, man könnte doch mal die Burger Segelflieger überfallen, schließlich wären wir ja Mitglieder einer Organisation für vormilitärische Ausbildung und da macht man so was. Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, ging es los. Wir landeten außerhalb des Platzes auf einer angrenzenden Heidefläche, schlichen uns an die Baracke und stürmten mit Gebrüll hinein. Die Reaktion war ziemlich abweisend, die blöden Segelflieger drehen sich auf die andere Seite und fragten, ob wir noch alle Tassen im Schrank hätten. Für einen unserer Springer wurde es aber ein aufregender Tag. Ein Anfänger, des Steuerns noch etwas unkundig, landete im angrenzenden Objekt der Iwans. Da man dort Raketen oder andere allergeheimsten Geheimnisse verwahrte, war der Empfang entsprechend herzlich. Es dauerte Stunden bis wir den Unglücksraben dort wieder raus bekamen. (Das es sich dabei um den späteren OI Magdeburg „Tünnes“ Scheel handelte, bleibt natürlich unter uns). Damals flog in Magdeburg Wilhelm Lienemann, eine absolute Kapazität, was die Fliegerei betraf. Zwar hatte es wegen einer Kriegsverletzung ein Holzbein, was ihn aber nicht daran hinderte hart Fußball zu spielen. Von ihm wird später im Zusammenhang mit Anklam 1968 noch die Rede sein.
Als ich aus Magdeburg nach Hause kam und meine Freundin besuchte, winkte sie mich mit geheimnisvoller Miene raus und macht mir klar, dass es eindeutige Anzeichen für meine bevorstehende Vaterschaft gäbe. Inzwischen bin ich nun schon Opa von zwei heiß geliebten Enkeln, einem schon ziemlich großen und einem noch ziemlich kleinen.
Während des anschließenden Lehrgangs in Güstrow im Juni/ Juli mag es dann gewesen sein, als Kalle eine seiner zahlreichen Glanznummern im wahrsten Sinne aus Parkett legte. Nach dem Sprungbetrieb fuhren wir Lehrer in die Stadt, um im Hotel „Stadt Güstrow“ (Eckhaus am Markt, existiert immer noch) etwas Vernünftiges zu essen. Das Restaurant lag im Erdgeschoß, war aber auch gleichzeitig Tanzbar, was man unschwer an der Tanzfläche inmitten des Raumes erkennen konnte. Wir hatten bestellt und warteten auf das Essen, das doch sehr auf sich warten ließ. Auf der anderen Seite saß ein älteres Herrchen mit Schlips und Jackett, wahrscheinlich ein Dienstreisender, vor einer gemischten Aufschnittplatte beträchtlicher Größe. Plötzlich stand Kalle auf, überquerte die Tanzfläche, baute sich vor dem bewussten Herrchen auf. Mit der Feststellung: „Das essen Sie doch nicht mehr!“ raffte er mit einer schnellen Handbewegung- mittels einer während der Frage/Feststellung ergriffenen Gabel- den verbliebenen Aufschnitt von der Platte. Unter ehrfürchtigem Schweigen der anderen Gäste kam er mit seiner Beute zurück an den Tisch, wo er sie (nämlich die Beute) großzügig verteilte. Der Bestohlene- es handelte sich im strafrechtlichen Sinne aber ohne Zweifel um Mundraub- saß da mit offenem Mund, zur Salzsäule erstarrt. So was war ihm noch nie passiert, aber schließlich trifft man auch nicht jeden Tag auf Fallschirmspringer.
Vor dem Oktoberlehrgang in Neustadt gab es noch eine vorgezogene Weihnachtüberraschung. Wir bekamen die ersten RL- 3/5. Das war für damalige Zeit ein tolles Gerät, mit dem ich bis 1973 mehr als 200 Sprünge machte, ziemlich leistungsfähig und extrem leicht und schnell zu packen, die ganze Sache war in knapp 10 Minuten erledigt: Vorn und hinten einen Pieker rein, alle Bahnen auf eine Seite geschlagen, Verzögerungssack drüber, eingeschlauft und fertig war die Laube. Die Öffnung dauerte dafür ewig, war deshalb auch extrem sanft. Mit dem 3/5 ging die Ära der Naturseidenschirme zu Ende. Was folgte war der RL- 5 oder 5/1, allerdings ein förmlicher Knochenbrecher. Aber vielleicht kam der auch erst einige Jahre später.
Neben Lehrgängen in Anklam (Juni) und Neustadt- Glewe (August und September), alle mit L- 60, kamen im Oktober 67 die 3. DDR- Meisterschaften, in beiderlei Hinsicht nicht so erfolgreich wie zwei Jahre zuvor. Ich war sauer, weil ich beim Gruppensprung einmal außerhalb des 10m- Kreises landete und deshalb mit 0 Punkten abziehen musste. Schuld war in meiner Erinnerung die Hektik. Wir kamen zu spät aus Luckenwalde von einem blöden Ausflug, schafften die Maschine im letzten Moment und gingen einfach zu spät raus und das war’s. Ingesamt landeten wir im hinteren Mittelfeld. Die anderen beiden Teilnehmer aus Neustadt waren Klaus Helms und Rudi Warmbier, bei letzterem bin ich aber nicht ganz sicher. Wer sollte es aber sonst gewesen sein? Was den Nachwuchs betrifft war man dieses Mal weniger fruchtbar. Wahrscheinlich hatte man bei den Frauen im Vorfeld auch Verhütung trainiert.
1967 war also ein eher durchschnittliches Jahr, arm an Ereignissen. Deshalb schiebe ich hier zwei Storys ein, deren tatsächliches Stattfinden ich zeitlich nicht mehr einordnen kann, die aber eigentlich auch zeitlos sind. Sie illustrieren, mit was für Schwachköpfen man sich damals herumschlagen musste.
No 1: Anlässlich einer der zahlreichen Flugsperren oder Schlechtwetterperioden kam man auf folgenden Zeitvertreib: Mittels einer Rückholwinde der Segelflieger (so einem Ding mit kleinem Benziner und einen langen, dünnen Seil zum Zurückholen des Schleppseil an den Start, wird heutzutage meist durch klapprigen Pkw erledigt) und einer Krankentrage mit großen Rädern wurde ein „Viererbob“ gemacht. Die Winde stand an dem einen Ende des Platzes, das Seil wurde abgerollt, die Trage drangehängt, vier Mann drauf und Gas. Die Fuhre flitzte mit einem Affenzahn durch die Gegend. Da das Gras ziemlich hoch war, sah man nur die vier Köpfe über den Platz jagen. Wegen der zahlreichen Diestel sah der vorn Sitzende hinterher aus wie ein Stachelschwein. Deshalb wurde nach jeder Tour gewechselt.
No:2: Dass die Lehrer auch nicht besser waren, belegt folgende Episode: In einem Jahr war das mit den Wildschweinen ziemlich schlimm. Sie zerwühlten den Platz so sehr, dass die Motorflieger mit ihren leichten Kisten richtige Bocksprünge machten. Die Fallschirmspringer waren die Richtigen um das Problem zu lösen, zumal sie in ihren Reihen den größten Wildschützen nördlich des 38. Breitengrades hatten. Die entsprechende Bewaffnung in Form der Leuchtpistolen war vorhanden. Diese wurden zu Vorderladern umfunktioniert, indem vor die Leuchtpatronen Bleikugeln, Muttern und andere Kleinteile kamen. So gerüstet wurde die Abenddämmerung erwartet. Als es soweit war, starteten die beiden Phänos (alte 1,5 T- LKW). Besetzt mit jeweils 4 oder 5 Mann ging es in Richtung altem Tontaubenschießstand, wo die Schweine in der Nacht zuvor besonders aktiv gewesen waren. Und da waren sie wieder, die Übeltäter, also hinterher. Aber obwohl wir 60 fuhren, kamen wir nur langsam näher. Kurz vor dem Waldrand waren wir fast auf Schussweite, also ein volle Salve, aber ohne jede erkennbare Wirkung. Nun ging es in Richtung Brenzer Kanal, wo wir eine weitere Rotte aufstöberten. Inzwischen war es ziemlich nebelig geworden, die Sichtweite lag unter 50m. Nur eine Vollbremsung verhinderte den Sturz in den Kanal. Plötzlich ein Feuerschein! Die Leuchtkugeln hatten das Unterholz entzündet. Aber mit vereinten Kräften war das Problem zum Glück bald gelöst. Einigkeit macht eben stark.
Aus Anlass der Meisterschaft war übrigens der RL- 6, der erste Rechteckgleiter vorgeführt worden. Allerdings noch kein Stauluftgleiter wie heutzutage, sondern einfach eine rechteckige, gewölbte Fläche. Der flache Gleitwinkel war für den damaligen Geschmack erstaunlich. Testspringer waren der Franz Täubrecht und der lange Gebhardt, beide Dynamo.
Ganz anders begann 1968. Gerne würde ich dieses Jahr unterschlagen, um das damals Geschehene ungeschehen zu machen, aber es ist eine Pflicht des Berichterstatters auch über tragische Ereignisse zu berichten, die leider ebenso zu unserem Sport gehören. Ich will nun versuchen, den Ablauf des Geschehens an jenem 30. Mai in Anklam aus meiner Sicht wiederzugeben.
Auch dieses Mal kam ich, aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen, wieder mal zu spät. Auf jeden Fall war der Sprungbetrieb schon im Gange. Paul Trautner war Sprung- und Lehrgangsleiter, 2. Lehrer Klaus Helms. Gesprungen wurde aus der L- 60, die von Karl Rietz aus Anklam geflogen wurde. Ich war an diesem Tag sozusagen nur einfacher Springer, da ich in dem Moment keine gültige Lehrerlizenz hatte, meine war gerade zur Verlängerung. Es sollten erst mal noch zwei Starts gemacht werden. Dann war eine längere Pause geplant, weil Karl seinen kranken (oder behinderten?) Sohn aus einem Heim in der Nähe abholen musste. Den nächsten Start sollte Klaus absetzen, den übernächsten dann ich (Anm.: Auf Grund eines Vorkommnisses aus dem Vorjahr, über das später noch zu berichten, musste auch in der L- 60 ein Lehrer/Absetzer mit dabei sein). Irgendwie haben wir dann aber getauscht. Vielleicht mein Glück. Über meinen Start gibt es nichts zu berichten, der nächste war dafür umso dramatischer und folgenreicher.
Klaus startete also mit seinen beiden Schülern, Absetzhöhe wahrscheinlich 1000m. Einer von den beiden hatte am Boden zwar das große Maul, war bei seinen ersten beiden Sprüngen ziemlich flatterig gewesen, wahrscheinlich hatte er einfach Schiss. Erst lief alles normal. Der erste Springer kam, der Schirm ging auf, in Ordnung. Da plötzlich beim zweiten Anflug kam ein Schirm raus und fegte in das Höhenleitwerk. Innerhalb einer Sekunde wurde aus der Normalität der Notstand, nach einigen weiteren Sekunden die Katastrophe. Sofort ging die Maschine auf den Kopf, das Triebwerk heulte auf und die L- 60 raste mit ständig wachsender Geschwindigkeit der Erde entgegen. Plötzlich bogen sich die Tragflächen nach oben und klappten an den Rumpf. Da- schon in Bodennähe- löste sich ein Körper von der Maschine, bevor er und die Maschine hinter den Bäumen verschwanden, blitzte noch etwas weiß auf. Dann ein dumpfer Aufschlag, danach Stille- Totenstille. Das Ganze hatte keine 30 Sekunden gedauert.
Unsere Erstarrung dauerte nur Sekunden, dann sprangen wir in Pauls Wagen und rasten zur Absturzstelle, die etwa 1km nördlich des Platzes auf einem Acker liegen musste. Dort erwartete uns erst mal die gute Nachricht. Klaus kam uns heil und unversehrt entgegen. Einen Schock- wie heute obligatorisch- hatte er nicht, war also im wörtlichen Sinne „unerschrocken“, zeigte nur mit einer traurigen Geste in Richtung des Wracks. Was wir dort sahen war wirklich schrecklich. Die Maschine war mit 300 vielleicht auch 400 km/h unangespitzt eingeschlagen, erstaunlicherweise aber nicht in Brand geraten. Erlasst mir bitte die Beschreibung, wie die Insassen aussahen bzw. das was von ihnen übrig war. Fast noch schrecklicher war aber, dass Karls Frau mit dem Fahrrad über den Acker angestrampelt kam. Sie wusste natürlich um welche Maschine es sich handelte und wer sie geflogen hatte. Zum Glück konnten Paul und Bruno Drabatzki sie noch vor dem Wrack abfangen. Endlich brach sie zusammen und ließ sich willenlos wegführen.
Für die Ereignisse in der Maschine gibt es nur einen Zeugen- Klaus Helms. Dessen Bericht gebe ich nach bestem Wissen und Gewissen wieder, wohl wissend, dass er das viel besser könnte. Hier nun der Bericht: Als Klaus den (2.) Springer (Namen vergessen) zum Fertigmachen aufforderte, saß dieser ziemlich blass in seiner Ecke. Plötzlich schoss sein Ersatzgerät raus, mit den bekannten Folgen. Klaus versuchte ihn aus der Maschine zu bugsieren, was aber nicht gelang. Er stieg daraufhin über ihn hinweg auf den Tritt und versuchte mit dem Kappmesser die Gurtenden zu durchtrennen. Ob er in Bodennähe gesprungen ist oder der Fahrtwind ihn einfach weggerissen hatte, konnte er hinterher nicht mehr sagen. Als er den Boden ganz, ganz dicht vor sich sah, öffnete er das Ersatzgerät, nicht den länger öffnenden Sprungschirm. Das rettete ihm das Leben. Die Öffnungshöhe lag sicher weit unter 50m vielleicht waren es auch nur 20 oder 10m. Bevor seine Füße den Boden berührten war der Schirm auf jeden Fall offen. Mit dem RL hätte das nicht mehr geklappt. Durch sein, heute sagt man „cooles“ Handeln hatte er seinem Schutzengel viel Arbeit abgenommen.
Karl Ritz merkte wohl sofort, dass hier nichts mehr zu retten war (was das Flugzeug betraf). Er warf seine Tür ab und schrie: „Springt, springt!“, sprang selbst aber nicht. Dann war es für ihn zu spät.
Held ist ein großes Wort. Ich gebrauche es hier aber ganz bewusst. Am Anfang hätte er die Chance gehabt sich zu retten. Was ihn davon abhielt, wird man nie erfahren. Dass er in den letzten Sekunden nicht mehr springen konnte, schmälert seine Tat nicht. Helden kommen eben nicht nur aus Hollywood, die richtigen auch mal aus Anklam. Ich glaube, dass Karl schon mal eine Gedenkminute wert ist.
Was folgte, waren endlose Untersuchungen sowohl durch die Staatliche Luftfahrtinspektion als auch durch die Mordkommission, wie bei Unfällen mit Todesfolge üblich. Die waren aber auch irgendwann vorbei. Gesprungen wurde natürlich nicht mehr. Aber womit auch, es war ja kein Flugzeug mehr da. Die Lizenzen von Paul und Klaus hatte man gleich einkassiert. Die restlichen L- 60 wurden für den Absetzbetrieb erst mal gesperrt.
Für mich ging die Sache lt. Sprungbuch im Herbst weiter. Danach machten wir u. a. am 19.10. einen so genannten Geländesprung in Pinnow. Nach Neustadt ging es dann per Fußmarsch zurück, quer durch die Lewitz über Friedrichsmoor, bis zum Platz mal locker 30 km. Es war schon dunkel, als wir auf der dichten Eichenallee nach von Störkanal Richtung Friedrichsmoor marschierten. Plötzlich lautes Geschepper und Gefluche. Ein „unbeleuchteter“ Radfahrer war in der Dunkelheit auf den letzten Mann unserer Gruppe aufgefahren. Die anderen Gruppen versuchten durch Betrug vor uns zu Hause zu sein. Aber weder per Anhalter noch per Bahn waren sie schneller. Ich erinnere mich deshalb (wegen des Marsches) noch daran, dass in dem Jahr der Anfängerlehrgang besonders gut war, überdurchschnittlich viele überdurchschnittlich gute Leute. Namen fallen mir allerdings nicht mehr ein. Kann es sein, dass Henne einer von denen war? Das Jahr schloss für mich mit mageren 15 Sprüngen. An den Unterschriften in meinem Buch sehe ich, dass wir Gäste aus Berlin hatten. Es haben sich nämlich W. Fiedler und Hauck verewigt. Später war auch Eva Reuter, eine Kinderärztin aus der Berliner Umgebung dabei.
In diese Zeit- es müsste etwa 1967/68 gewesen sein- fiel auch die häufige Anwesenheit anderer Gäste. Aus irgendwelchen Gründen sprang damals eine Truppe der Stasi aus Schwerin bei uns mit. Da die Jungs natürlich in ganz geheimer Mission bei uns waren, nenne ich nur ein paar Vornamen. Artur oder Alfred ,Peter , Henry u. a.. Die hatten teilweise sogar ihre Dienstwaffen dabei. So haben wir einmal mit einer tschechischen Mini- MP der Marke Skorpion auf dem Schießstand in Güstrow (am Franzosenberg) herumgeballert.
Im Winter folgte dann das juristische Nachspiel der Katastrophe von Anklam vor dem Bezirksgericht in Neubrandenburg. Die nach Meinung der Staatsanwaltschaft Verantwortlichen (Paul und Klaus) wurden angeklagt, die Anklage lautete auf „Gefährdung des Luftverkehrs mit Todesfolge“ oder so ähnlich. Ich war aus dem o. g. Grund nur Zeuge, sah mich aber eigentlich im Geiste auch auf der Anklagebank. Meine Aussage deckt sich natürlich mit dem, was ich oben geschildert habe. Es gab keinen Grund, etwas zu verschweigen oder zu beschönigen.
Um die Sache überhaupt verstehen zu können, muss man kurz in das Jahr 67 zurückgehen. Damals hatte es in Leipzig bereits einen ähnlichen Unfall gegeben. Einem Springer war in der L- 60 ebenfalls der Schirm (Ersatzgerät) aufgegangen, worauf die Maschine abschmierte. Der Pilot und der oder die Springer kamen aber noch raus, so dass es bei dem Totalschaden des Fluggerätes blieb. Da man als Ursache den seitlich angebrachten Griff des BE- 3 ausgemacht hatte, gab es eine Weisung des ZV, dass aus der L- 60 nur mit Ersatzgeräten gesprungen werden durfte, deren Öffnungsgriffe noch oben verlegt worden waren. Ob Marianne diese Weisung nicht kannte oder welche Gründe es noch gab, auf jeden Fall hatten die Ersatzgeräte die zu Lehrgangsbeginn aus Neustadt kamen, den Griff nach wie vor an der Seite. Eigentlich hätte man also nicht springen dürfen. Vor die Frage gestellt, den Lehrgang ausfallen zu lassen oder das zu ignorieren, hatten Paul und Klaus sich für Letzteres entschieden. Hätte ich auch gemacht, da bin ich ganz ehrlich.
Die Untersuchung des Unfalls in Leipzig hatte übrigens mit einem Eklat geendet. Mitglied evtl. sogar Leiter der Untersuchungskommission war der schon weiter oben erwähnte Wilhelm Lienemann, der – wie auch schon erwähnt- im DDR- Motorflug auf Grund seiner Flugerfahrung eine große Nummer war. Allerdings war er auch ein wenig polterig und in seiner Ausdrucksweise manchmal nicht gerade sensibel. Er vertrat wohl als Einziger die Meinung, dass die L- 60 wegen zu schwacher Motorleistung für den Absetzbetrieb ungeeignet sei und deshalb für diesen Zweck aus dem Verkehr gezogen werden müsse. Als er mit seiner Meinung nicht durchdrang, soll er seinen Sachverständigenausweis hingeknallt und unter Grollen den Raum verlassen haben. Der Vorfall von Anklam bestätigte seine Theorie.
Aber zurück zum Prozess: Der Staatsanwalt überließ die fachliche Begründung seines Antrags seinem Hauptzeugen, einem Vertreter der damaligen Untersuchungskommission. Der führte klar und verständlich aus, wie es aus seiner Sicht zu dem Maleur gekommen war: Wegen des nicht umgebauten Ersatzgerätes blieb der Schüler beim Umsteigen mit dem Griff in der Ecke irgendwie hängen und das Ersatzgerät öffnete sich. Die Folgen sind ja bekannt. Die Angeklagten hätten sich durch das Ignorieren der Weisung schuldig gemacht und müssten dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Das sah ganz schlecht aus für die beiden.
Nun muss man aber wissen, dass Paul vor Gericht schon Erfahrung hatte. Er war ein oder zwei Jahre zuvor in einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang verwickelt und deshalb vor dem Kadi gelandet. Ein außergewöhnlich cleverer Anwalt für Verkehrsrecht aus Berlin hatte damals seine Unschuld bewiesen. Den hatte Paul auch dieses Mal engagiert. Es war wie in einem englischen Kriminalfilm: Der Verteidiger, groß, schlank, seriös in einem Tweed- Jackett mit Schlips und Bilderbogen, dagegen der Staatsanwalt ein kleiner, gnurpeliger Mensch vom Typ „Gartenzwerg“. Dass der Anwalt wirklich clever war bewies er sofort, indem er gleich sein As aus dem Ärmel zog. Er rief seinen Zeugen, den er bisher sogar vor seinen Klienten geheim gehalten hatte. Wer das war? Dreimal dürft ihr raten. Es war- Wilhelm Lienemann. Der von der Havariekommission zog die Rübe ein, war plötzlich einen Kopf kleiner. Wilhelm legte auch gleich los und nahm den Zeugen des Staatsanwaltes nach allen Regeln der Kunst auseinander und bewies mit einfachen und klaren Worten, dass die damalige Kommission eine Ansammlung von Deppen war, die von der Fliegerei aber auch nicht ein Fünkchen Ahnung hatten. Innerhalb von wenigen Minuten wendete sich das Blatt. Am Schluss konnte der Staatsanwalt nebst Zeugen froh sein, nicht sofort selbst eingelocht zu werden. Im Laufe der Untersuchungen hatte man auch noch mal versucht, die Theorie der Anklage durch eine Rekonstruktion zu untermauern. Dazu setzte man einen Springer (Bruno Drabatzki?) mit einem Original- BE (also Griff seitwärts) in die Maschine mit der Aufforderung zu versuchen, ohne Einsatz der Hände irgendwie den Griff aufzuziehen. Obwohl er in der Ecke lange rumwirtschaftete gelang das aber nicht.
Was dann folgte war ein Freispruch. Begründung: Die damalige Weisung war Blödsinn und nicht geeignet, den erneuten Vorfall zu verhindern. Der Verstoß gegen eine unsinnige Weisung ist nicht strafbar, im Zweifel für den Angeklagten usw. Noch ein interessantes Detail und ein weiterer Beweis dafür, welche Zufälle es im Leben so gibt. Der Sohn des vorsitzenden Richters war auch Sprungschüler, damals in Anklam dabei und der beste Kumpel des Verunglückten.
Trotz des strafrechtlichen Freispruchs wurden Paule und Klaus ihre Fleppen los. Beide hörten mit der Springerei auf. Schade! Unbeantwortet ist nach wie vor die Frage was wirklich geschehen ist und wird es wohl auch immer bleiben. Die einzige Erklärung sieht am Schluss so aus, dass der Springer aus Nervosität oder Schiss selbst an dem Griff gezogen hat, mit verheerenden Folgen für sich und leider auch für Karl Rietz. Was für mich blieb, ist die Erinnerung an einen schlimmen Tag, anfangs auch mal die Frage nach meinen evtl. Aktien an dieser Sache.
Die L-60 ist nach dem 30.05.1968 nicht mehr als Absetzmaschine eingesetzt worden.
Für das Jahr 1969 finde ich in meinem Sprungbuch Eintragungen zu 3 Lehrgängen (Mai/ Neustadt, August/Anklam, September/ Neustadt). Das wird aber nicht alles gewesen sein. Dadurch, dass ich im Außendienst tätig und dadurch meine Familie nur an den Wochenenden sah, gab es dort – neben den problematischen Freistellungen- natürlich auch zu Hause das eine und andere Problem. So war ich sicher nicht immer dabei, wenn gesprungen wurde. Hier müsste als Zeitzeuge evtl. Kalle einspringen. Ob es schon 1969 war, als Marianne für ein Jahr zur Parteischule musste, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. War es so, dann kam schon in diesem Jahr Hannes Stübner aus Magdeburg, der sie in dieser Zeit vertreten sollte. Es kann aber auch sein, dass die Sache mit der Mariannes Parteischule und der Vertretung durch Hannes erst 1970 war.
Das ist das Ende meines Berichtes. Die Zeit bis zur Wende ist nun Kuddels Part.
Eine Geschichte muss ich aber noch loswerden, die zwar in Kuddels Berichtszeitraum fällt, die ich aber hier unbedingt loswerden möchte, da ich bei dieser Gelegenheit den wohl schönsten Moment meiner Springerlaufbahn erleben durfte. Aber genug der Vorrede.
Im August 1975 war Großflugtag der GST in Magdeburg. Da wurde alles zusammengetrommelt, was fliegen und springen konnte. Ich will hier nicht über den ganzen Flugtag berichten, auch über nicht die Story mit dem Rauchkörper in der Antonow, sondern nur über eine Episode, die sich eigentlich am Rand abspielte, vor etwa 10 bis 20 Augen- und Ohrenzeugen. Es war am Sonntag, dem Tag der eigentlichen Veranstaltung und zwar vormittags, dabei ziemlich dunstig. In Vorbereitung der nachmittäglichen Veranstaltung waren in einer Ecke bei der Halle die Experten dabei, mittels Theodoliten und Pilotballon (für den Nichteingeweihten: das ist ein Gummiballon von ca. 1m Durchmesser, ungefüllt sieht er aus wie ein Elefantenpräser) den Höhenwind zu bestimmen. Oberexperte war der allseits bekannte und beliebte Freund Vinzenz aus Karl- Marx- Stadt (s. o.). Der erste Versuch ging schief. Es war das bekannte Problem der ostfriesischen Kriegsflagge (Weißer Adler auf weißem Grund). Wegen des tief liegenden Dunstes (s. o.) war der weiße Ballon bei 100 m schon nicht mehr zu erkennen. Flugs wurde sozusagen ein Arbeitskreis gebildet, der hier mögliche Lösungsvarianten diskutierte, Vorsitzender war natürlich Vinzenz. Ich stand mit einigen anderen Nichttuern nur so rum und wurde damit zum Zeugen des nachfolgenden Ereignisses. (Bevor ich weiter berichte, empfehle ich dem Leser auf Kapitel zurückzugehen um die dort gegebene Beschreibung von Vinzenz Aussehen aufzufrischen, was nachfolgend von einiger Bedeutung sein wird, wobei noch zu ergänzen ist, dass er leidenschaftlicher Stumpenraucher war und einen solchen gerade im Mundwinkel hatte).
Der Variantenvergleich endete damit- im Gespräch war zum Beispiel auch der Vorschlag, den Ballon einzufärben- dass Vinzenz seine Variante einstimmig annahm, die darin bestand einen Rauchkörper dranzuhängen, dann würde das schon klappen. Wie beschlossen- so ausgeführt. Der Ballon wurde gefüllt, der Rauchkörper drangehängt und in Startposition gebracht. Vinzenz zog noch mal an seinem Stumpen um richtige Glut zu erzeugen.
(Bevor er nun den Zünder in Brand setzt und die Ereignisse ihren verhängnisvollen Verlauf nehmen, muss auf einige grundlegende chemische Zusammenhänge hingewiesen werden, die V. in diesem Moment zum eigenen Schaden ignorierte: Wasserstoff + Sauerstoff= Knallgas, Knallgas + Feuer= Explosion). Und so kam es auch. Der Zünder zischte kurz, dann tat es einen gewaltigen Schlag. Vinzenz stand da, wie die Kuh wenn’s donnert. Seine runden Augen traten aus zentimeterweit aus dem Kopf und vor kindlichem Erstaunen stand sein Mund offen, ihn bewegte augenscheinlich ganz stark die Frage: „Was war das, wo ist er denn (der Ballon)?.
Als nach einigen Sekunden der Stille klar war, dass der Betroffene, gleichzeitig auch der Verursacher, keinen größeren Schaden genommen hatte, gab es eine zweite Explosion. Die Umstehenden heulten vor Lachen auf, hielten sich die Bäuche und wälzten sich am Boden. Das ging minutenlang so weiter. Einen zusammenhängenden Bericht über das Geschehene zu erhalten, war für Außenstehende in den nächsten Stunden nicht möglich. Schon auf die bloße Frage hin, was denn eigentlich geschehen wäre, antworteten die Zeugen mit neuem Gelächter, so dass der Fragesteller mit der Feststellung: „Ihr seid ja blöd!“, die Sache aufgab. Wenn ich daran denke, bekomme ich heute- nach mehr als 30 Jahren- noch einen Lachkrampf, wenn ich mir das dumme Gesicht vorstelle. So war es auch eben.
Kapitel 6: Wie es bei mir weiterging
Das wird viele nicht interessieren, denn was stört einen fremder Jammer. Die können hier aufhören. Für den Rest noch ein paar Dinge, die damals eben auch zum Fallschirmspringen gehörten bzw. einem die Sache doch etwas verleiden konnten.
Ich machte natürlich weiter, jetzt unter Kuddels Kommando, allerdings aus den bereits genannten beruflichen und familiären Gründen doch mit etwas angezogener Handbremse.
Das ging so bis 1974, als mich zum ersten Mal eine Kadersperre traf. Dazu muss man wissen, dass im Herbst jenes Jahres ein Stralsunder Motorflieger von Neustadt aus mit einem Motorflugzeug die Fliege gemacht hatte. Sein letztes Lebenszeichen war seine Anmeldung beim Tower in Hamburg per Funk. Es mag etwa um die gleiche Zeit gewesen sein, als ein Interflugmechaniker nebst Familie per Mistflieger in die BRD „übersiedelte“. Das Fernsehen brachte nach der Wende eine Verfilmung dieser Geschichte.
Auf jeden Fall begann so eine Art „Christenverfolgung“, d. h. die Suche nach irgendwelchen unsicheren Kantonisten, zuerst in der Heimatsektion des Entflohenen, in Stralsund. Ich wohnte damals in Stralsund und da ich ja irgendwo meinen GST- Beitrag bezahlen musste war ich dort eben Mitglied. Bei dieser Durchforstungsaktion blieb ich auf der Strecke, ebenso ein Motorflieger (Fritz Gaikowski). Weshalb weiß ich eigentlich bis heute nicht so richtig.
Dank der Fürsprache von Kuddel und von Heinz Wolff (Magdeburg, 1975/76 im ZV der GST für Fallschirmsport zuständig) wurde ich allerdings Mitte 77 sozusagen begnadigt und konnte die nächsten zweieinhalb Jahre wieder springen. Als meine Mutter aber 1979 nach Westberlin ausreiste, war dann aber endgültig Schluss. Nach den damaligen Regeln war eine Mutter im Westen ein absolutes Ko- Kriterium.
So war für mich nach rund 20 Jahren die Springerei erst mal zu Ende. In dieser Zeit hatte ich es auf 545 Sprünge gebracht.
Bis zur Wende brauchte ich über eine Fortsetzung der Springerei nicht einmal nachzudenken. Es vergingen dann aber noch 3 Jahre ehe ich 1993 mal wieder auf den Platz nach Neustadt kam. Natürlich flammte die alte Liebe wieder auf und brennt nach wie vor noch ziemlich heiß. Wenn es nach meinen Wünschen geht, müsst Ihr mich auch noch eine Weile ertragen.
Peter Garbe, Göldenitz im September 2007


